Finger fiel aus den Fugen

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Helene Schwärzel war unscheinbar. Am August entdeckte sie in der Gastwirtschaft der Zahlstelle den steckbrieflich gesuchten Widerstandskämpfer Carl Goerdeler. Seit dem missglückten Attentat auf Hitler am Juli befand er sich auf der Flucht. Helene Schwärzel hatte Goerdeler einmal als Kind persönlich getroffen und bewunderte ihn.

Das aber spielte jetzt keine Finger fiel aus den Fugen mehr. Goerdeler hatte das Lokal bereits verlassen. Auf Schwärzels Druck hin folgten die Kollegen dem Gesuchten, stellten ihn und lieferten ihn der Polizei aus. Februar hingerichtet. Helene Schwärzel erhielt nach dem Krieg eine Haftstrafe von 15 Jahren. Ihr Fall sorgte für Aufsehen — zum einen, weil sie den Widerstandskämpfer Goerdeler denunziert hatte, und zum anderen, weil ihre Person so überraschend — ja geradezu enttäuschend — unspektakulär war.

Sieht so eine Denunziantin aus? Inge Marszolek. Doch das war nicht ausschlaggebend gewesen für ihre Denunziation. Sie wollte bedeutend sein.

Teilhabe an der Macht, also das Gefühl, Recht zu haben, das Bedürfnis, auf der Seite der Sieger zu stehen, von deren Glanz etwas abzubekommen und dadurch Macht auf diejenigen auszuüben, die anscheinend zu den Verlierern gehören — das ist eines der wichtigsten Motive für Denunziationen.

Das gilt für den kleinen Angestellten, der sich durch seine guten Beziehungen zur Partei mächtig genug fühlt, gegen Finger fiel aus den Fugen verhassten Vorgesetzten vorzugehen. Kaum andere Beweggründe hat nach dem Krieg die Vermieterin, die ihre Kontakte nach oben ausspielt, um bei ihr eingewiesene Flüchtlinge anzuzeigen. Es kommt auf das Gleiche hinaus: Sie alle fühlen sich als Teil der Mächtigen und festigen durch ihr Verhalten deren Position.

Die Menschen müssen neues Wissen darüber erwerben, was künftig erwünschtes Verhalten ist und was nicht. Die Opfer sind meist Frauen. Denunziationen passen sich veränderten Zeitläuften an: Im Dritten Reich wurden Verhältnisse von Frauen mit Zwangsarbeitern denunziert, in der Nachkriegszeit solche mit Besatzungssoldaten. Meist wurden dabei Frauen von Frauen angezeigt. Das Finger fiel aus den Fugen, dass mehr Frauen als Männer denunzieren, ist allerdings durch empirische Untersuchungen widerlegt, so etwa von Katrin Dördelmann, Finger fiel aus den Fugen das Denunziationsverhalten im nationalsozialistischen Köln studierte oder von Gisela Diewald-Kerkmann, die das Lipper Land entsprechend unter die Lupe nahm.

Allerdings denunzieren Frauen anders als Männer. Da das gesellschaftliche Umfeld für Frauen und Männer in der NS-Zeit sehr unterschiedlich war, leuchtet ein, dass Frauen mehr in ihrer häuslichen Umgebung und Männer mehr am Arbeitsplatz inkriminierten. Persönliche Streitigkeiten in Nachbarschaft und Familie waren der häufigste Grund bei Frauen, um jemanden anzuschwärzen. Speziell fiel den Wissenschaftlern auf, dass selten aus rein politischen Gründen angezeigt wurde.

Die meisten Anzeigen im Dritten Reich gingen keineswegs von Parteigenossen aus, sondern von Normalbürgern.

Das war nicht nötig. Die Anzeigen gingen in einer solchen Flut ein, dass es selbst der Regierung zu viel wurde. Hielt man den Denunzierten für politisch gefährlich, ging man der Anzeige konsequent nach.

Anders in der DDR. Hier wartete man nicht, bis aus der Bevölkerung Anzeigen eingingen, sondern suchte gezielt Informanten, um verdächtige Personen oder Gruppen auszuschnüffeln. Er hatte Kontakt zu Kommilitonen an der Universität Ilmenau, die als politisch unzuverlässig eingestuft war. Gregor wurde von einem Führungsoffizier ausgesucht und geschult.

Dabei vermittelte man ihm geschickt das Gefühl, Finger fiel aus den Fugen zu sein, sich um den Sozialismus verdient zu machen. So konnte er sich einreden, es werde schon nicht so schlimm sein.

Im Lauf der Geschichte, hat Prof. Inge Marszolek festgestellt, nutzten vor allem Frauen immer wieder geschickt das Denunziations-Angebot des Staates, um private Probleme zu lösen — etwa, um sich gewalttätiger Männer zu entledigen. So war Finger fiel aus den Fugen in der Nazizeit eben leichter, den Mann als Kommunisten zu denunzieren und damit hinter Gitter zu bringen, als ein schwieriges Scheidungsverfahren mit ungewissem Ausgang einzuleiten.

Ich bin seit mit ihm verheiratet… Er trank immer viel und tut es noch… Ich habe gerade gehört, dass er eine Geschlechtskrankheit hatte… Am Mai hat er mich wieder geschlagen, und am 6.

Juni hat er mich halb totgeschlagen… Und nun zum wichtigsten Punkt: Er ist ein Linker, ich kann es nicht mehr aushalten. Immer wieder verflucht er die Regierung… Er sagte, dass Hitler und Göring Verbrecher seien, die Regierung bald verschwinden würde. Hätte der Mann aber tatsächlich eine linke Vergangenheit gehabt, wäre er gar Halbjude gewesen, hätte er im KZ enden können — was die Denunziantinnen sehr wohl wussten.

Diese Art der Denunziation überlebte in Westdeutschland das Kriegsende. Solche Denunziationen haben eine lange Vorgeschichte — mit verbalen und körperlichen Verletzungen. Auch die für Männer typische Denunziation aus Konkurrenzneid hat oft eine versteckte Vorgeschichte. Einer aus der Runde, ein junger aufstrebender Angestellter, neidete dem älteren Herrn seit langem seinen Job.

Er denunzierte seinen beruflichen Ziehvater. Der Betriebsleiter wurde verurteilt und starb nach kurzer Haft. Sehr viel häufiger entsteht Denunziation aus einer Art Gruppendynamik: Am Anfang steht nur ein Gerücht, das von einem zum anderen geht, ohne dass zunächst etwas Konkretes bekannt ist.

Man liegt auf der Lauer, um den Tratsch zu verifizieren. Oft aber sind die sozialen und kommunikativen Prozesse, die einer Denunziation vorausgehen, noch komplexer.

Denunziation ist ein Angebot von oben, das auf die Mitarbeit von unten angewiesen ist. Wenn die Bereitschaft aus der Bevölkerung nicht da wäre, gäbe es keine Denunziationen.

Und diese Bereitschaft, so muss man sich wohl eingestehen, ist latent vorhanden. Er kann an der Denunziationsschraube drehen. Klar ist jedoch: Eine Gesellschaft ganz ohne Anzeigen funktioniert nicht, denn der Staat ist darauf angewiesen.

Aber auch Demokratien sind anfällig. Postboten sollen Auskunft darüber geben, Finger fiel aus den Fugen ihnen etwas Verdächtiges auffällt. Wo aber ist die Grenze Finger fiel aus den Fugen der Anzeige und der Denunziation?

Fördert der Staat, der zur Meldung von Kindesmissbrauch in der Nachbarschaft aufruft, freiheitsfeindliche Schnüffelei? Machen die Bürger sich durch Nichtstun strafbar, wenn sie schweigen?

Menschliches Verhalten und Ethik sind ein weites Feld. Finger fiel aus den Fugen verwies darauf, dass die Bibel kein wissenschaftliches Lehrbuch sei und oft in Bildern spreche. Dieser Brief geriet in die Hände des Florentiner Dominikanerpaters Niccolo Lorini, der schon länger sein inquisitorisches Auge auf den Wissenschaftler geworfen hatte. Daraufhin wurde Galilei nach Rom zitiert, wo er in aller Form ermahnt wurde, seine Irrtümer aufzugeben und seine Lehren nicht weiterzuverbreiten.

Mit seiner Unterwerfung entging Galilei der Todesstrafe. Er wurde unter lebenslangen Hausarrest gestellt. Wie kommt ein unauffälliger Durchschnittsbürger dazu, seinen Nachbarn ans staatliche Messer zu liefern? Die Gründe sind stets die gleichen — nur die Anlässe für Denunziationen ändern sich.

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